essstörung

Du gewinnst, wenn du stirbst: Magersucht als Konkurrenzkampf auf Social Media

Höher, schneller, weiter. An Magersucht Erkrankten sollte dieses Wettbewerbsgefühl bekannt sein. Was wir als Betroffene teilen, wenn wir im Netz über unsere Krankheit sprechen.

Ein Instagram-Foto, auf dem meine Knochen besonders hervorstehen? Easy. Ein Vermerk in der Bio, der darauf schließen lässt, dass ich an Anorexie erkrankt bin? Geschenkt. Außerhalb meiner Filterbubble begegnen mir regelmäßig noch ganz andere Phänomene: Das niedrigste Gewicht, die Anzahl der Klinikaufenthalte und die Notwendigkeit der härtesten aller Konsequenzen, die künstliche Ernährung, werden auf Social Media dokumentiert, wenn nicht sogar gleich in die Vita gepackt. Der Grat zwischen Dokumentation und Wettbewerb ist schmal. „Auch wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, als Menschen mit einer Essstörung konkurrieren wir ständig. Und wenn wir uns darüber im Klaren sind, reden wir nicht darüber. Aber die Wahrheit ist – jeder von uns versucht der*die „Krankeste“ zu sein – der*die Beste im Essgestörtsein – der*die Dünnste.“, schreibt Jessica Hudgens in ihrem Artikel „Eating Disorders and Competition, Comparison“.
Dieser Wettbewerb ist nicht nur Teil des Problems, sondern hindert auch den Heilungsprozess. Denn let me tell you something: Als Magersüchtige*r hält man sich selbst nie für „krank genug“ und sich Heilung einzugestehen, wenn man sich selbst nicht für „krank genug“ hält? Quasi unmöglich. Wird dieses Gefühl von unzureichend aufgeklärten Ärzt*innen, Therapeut*innen oder dem Pflegepersonal weiter befeuert, trägt das nicht unbedingt zur Lösung des Problems bei. Im Gegenteil: Weil Essstörungen noch immer zu einseitig wahrgenommen werden und die Schwere der Erkrankung zumeist am BMI des*der Patient*in gemessen wird, werden Menschen, die nicht der „Norm“ einer magersüchtigen Person entsprechen, in ihrer Erkrankung viel zu selten ernst genommen. Wenn unterstellt wird eine Person könne nicht anorektisch sein, weil er*sie nicht untergewichtig genug ist, befeuert diese Unterstellung einen gefährlichen Wettkampf. Es ist der Kampf um das „blaue Schleifchen“, wie Hudgens es nennt – ein Kampf um den Tod. Einer, der nicht nur auf Social Media stattfindet, sondern überall dort, wo Essgestörte aufeinander treffen. „Ist er*sie dünner als ich? Sie isst einen Salat – sie muss denken, dass ich fett bin, weil ich einen Sandwich esse. So-und-so hat X Stunden im Fitnessstudio verbracht. Ich nur Y. […] Hatte ich nicht einen Hamburger letzte Woche? Offensichtlich habe ich keine echte Essstörung. Jane Doe hatte keinen Hamburger in XY Jahren.“ (Jessica Hudgens) „Comparison will kill you.“, heißt es auf einschlägigen Recovery-Accounts – „hier liegt der Grund warum manche Patient*innen kränker aus der Behandlung kommen, als sie hineingegangen sind. Der Grund, warum anhaltende Freundschaften mit anderen Esssgestörten aus der Klinik potentiell verheerend sein können. Und der Grund, warum ich aufgehört habe auf meinen Social Media Accounts konkrete Zahlen oder Verhaltensweisen zu nennen.“ (Jessica Hudgens)
Mir dem Wettbewerb als Betroffene bewusst zu werden, hat nicht lange gedauert. Mein eigenes Verhalten zu ändern, um den Konkurrenzkampf nicht weiter anzufechten, schon. „Auch wenn jemand mit einer Essstörung geheilt ist, bleibt er*sie dem anorektischen Wertesystem zugetan. Das niedrigste erreichte Gewicht ist ein Grund zum Stolz, nicht zur Scham.“, heißt es in Kelsey Osgoods Buch „How to disappear completely. On modern anorexia.“
Das Gefühl mit einer Essstörung zu einer exklusiven Gruppe zu gehören, kennen viele Erkrankte. Ich bin magersüchtig. Ich hungere. Ich kann etwas, das andere nicht können. Gleichzeitig bildet jedes erreichte Level Nährstoff für neue Zweifel. Mit Blick auf andere Essgestörte, die sich zum Mittagessen für den Salat, statt den Joghurt entschieden, fühlte Kelsey Osgood sich „wie ein Kindergartenkind im Vergleich zu denen mit Master-Abschluss.“ Stets bleibt man die Person, die nicht essgestört genug ist. Ich werde nicht künstlich ernährt? Ich bekomme keine Ausgangssperre? Die Ärzte warnen nicht vor Organversagen? Let’s see if I’m able to get there. Die Wahrheit ist: Niemand fühlt sich je essgestört genug. Nur für Außenstehende mag das zynisch klingen. Für Betroffene sind Gefühle wie diese Teil der Krankheit. Warum das so ist, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Anzumerken bleibt jedoch, dass eine Gesellschaft wie unsere, in der Attribute wie schlank, erfolgreich und glücklich oberste Priorität haben und sogar miteinander gleichgesetzt werden, ihren Teil dazu beiträgt. Aber wie so häufig ist das Problem wesentlich komplexer.
In den vergangenen Jahren habe ich verstärkt daran gearbeitet, mich von oben genannten Vergleichen und dem Stolz zu verabschieden, der mit der Erkrankung einhergeht, um eine ganzheitliche Heilung möglich zu machen. Mittlerweile weiß ich: Ich bin nicht stolz darauf magersüchtig gewesen zu sein. Meine Essstörung ist es. Ich selbst bin viel mehr als meine Krankheit. Das anorektische Wertesystem komplett abzulegen aber, bleibt schwer.
Zu sehen, wie andere Essgestörte ihren Krankheitsverlauf auf Social Media dokumentieren, aufzählen, wie oft sie künstlich ernährt werden mussten oder in der Klinik waren, hat mich lange Zeit geärgert, weil es mich eifersüchtig gemacht hat – selbst, als ich mich bereits als „geheilt“ und „symptomfrei“ bezeichnete. Je weniger eifersüchtig ich wurde, wenn ich hörte, dass jemand struggelte, desto mehr erkannte ich, wie gut es sich anfühlt frei vom – „narkotischen“, wie es Osgood nennt – Einfluss der Anorexie zu sein. Ein Prozess, der tägliche Reflektion erforderte. Auf Instagram eine Kultur der Heilung zu pflegen, die so wenig wie möglich triggert und keinen Wettbewerb um die Erkrankung befeuert, fühlt sich trotzdem manchmal unmöglich an. Denn selbst reine Dokumentation geht für andere oft unbewusst mit dem Anfechten eines Konkurrenzkampfes einher, die Intentionen überschneiden sich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir anfangen über die Darstellung von Essstörungen – besonders der Betroffenen selbst – in sozialen Netzwerken zu sprechen. Ich denke nicht, dass unser niedrigstes Gewicht, unser jetziges Gewicht, unser Set-Point, oder die Anzahl der Klinikaufenthalte relevant sein sollte, wenn wir unsere Erfahrungen teilen. In Wahrheit sind Informationen wie diese Teil des Problems.
Es mag keinen richtigen oder falschen Weg geben, um eigene Erfahrungen im Netz zu teilen, aber es gibt sicher einen, der weniger problematisch ist. Jeder, der sich dem Thema annimmt, sollte reflektieren, ob sein Beitrag zu einer gesunden Heilungskultur beiträgt oder sich nur negativ auf das Problem auswirkt.
Jessica Hudgens schreibt: „Es ist ein Nullsummenspiel. Du wirst niemals gewinnen, wenn du dich mit anderen vergleichst. Du gewinnst nur, wenn du stirbst. Und ich kann dir ziemlich sicher sagen, dass in der Nachwelt niemand auf dich wartet, um dir dein blaues Schleifchen anzuheften.“

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