Das Klinikuniversum ist groß und auf den ersten Blick reichlich unübersichtlich. Ausgehend von meinen eigenen Erfahrungen in einer psychosomatischen Klinik habe ich ein paar Stichworte zusammengetragen, die dir einen ersten Überblick verschaffen sollen.

A, wie Aller Anfang ist schwer. Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und Hilfe anzunehmen erfordert eine Menge Mut. Trotzdem: Dass es sich lohnt den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, wusste schon J. C. Chandor: „When it feels scary to jump, that’s exactly when you jump. Otherwise you end up staying in the same place your whole life. And that I can’t do.“ Spoiler: Das Wasser wird wärmer, je länger man drin schwimmt.

B, wie Belastungstraining. Abgekürzt BT, ist das Belastungstraining eine Möglichkeit das in der Klinik erlernte zu Hause auszuprobieren, zum Beispiel in dem man übers Wochenende nach Hause fährt. Das BT muss zuvor von dem*der Bezugstherapeut*in genehmigt werden.

B, wie Bezugstherapeut*in. Der*die Therapeut*in, der man zu Anfang der Therapie zugeteilt wird. In zwei Gesprächen pro Woche findet hier die Einzeltherapie statt.

C, wie Cobalt. In der Kunsttherapie arbeitet man zum Beispiel mit Acrylfarben oder Ton und kann sich künstlerisch mit einem vorgegebenem Thema oder aktuellem Gefühl auseinandersetzen. Häufig werden die fertigen Werke danach besprochen. Ein wichtiges Ventil, wenn der Kopf überquellen zu droht.

D, wie Divers. Die Klinik war für mich als weiße Cis-Frau immer ein Safe Space. Nicht für alle Menschen ist das so, auch, weil ich bisher keine Klinik, in der ich war, als besonders divers wahrgenommen habe. Das macht es z.B. People of Color oder Trans-Menschen schwerer Fuß zu fassen und sich zu öffnen. Deshalb ist es wichtig als weiße, heterosexuelle Cis-Person seine Privilegien zu kennen und sein Verhalten zu reflektieren. Wo liegt der Grat zwischen Raum, der mir zusteht und dem, der es nicht tut? Wann kann ich für PoC da sein und wann nicht? Was kann ich verstehen und was werde ich aus meiner Perspektive nie nachvollziehen können? Damit die Klinik kein alleiniger Safe Space für weiße Cis-Menschen bleibt, findest du Tipps on „How to Be an Ally“ ganz easy im Internet, zum Beispiel hier: „How to Be a White Ally to People of Color“ oder hier: „11 Ways to be a Trans Ally According to Transgender People themselves“.

E, wie Entlassen werden. Der Tag kommt, auch wenn du nicht dran denken magst. Denn eventuell hast du dich in der Klinik mittlerweile doch ganz gut eingelebt. Trotzdem: The day will come und es hilft, sich schon vorher darüber Gedanken zu machen. Was habe ich in der Therapie erreicht? Wo will ich hin? Was muss ich noch klären, bevor ich heim fahre (Arzttermine machen, einen Therapieplatz suchen, etc.)? Ich könnte jetzt nochmal J. C. Chandor zitieren, aber ich lasse es.

E, wie Ergotherapie. Du wolltest schon immer mal einen Korb flechten oder einen Speckstein bearbeiten? Willkommen in der Ergo! Hier kannst du dich mit verschiedensten Materialien ausprobieren und lernen, wie gut es sich anfühlt etwas fertig zu machen. Honestly. It’s dope, so ein selbstgeflochtener Korb.

F, wie Fresubin. Hochkalorische Trinknahrung, die vor allem bei der Therapie von Essstörungen eingesetzt wird, zum Beispiel wenn der*die Patient*in mangelernährt ist oder nicht ausreichend Kalorien zu sich nimmt.

G, wie Gruppentherapie. Wie der Name schon sagt. Therapie in der Gruppe. Im Normalfall gibt es verschiedene Gruppen für die einzelnen Krankheitsbilder. Pro-Tipp: Auch wenn es in der Sitzung scheinbar nicht um dich geht, es geht immer auch um dich.

H, wie Hilfe. Hilfe annehmen kann verdammt schwierig sein. Lohnt sich aber. Spoiler: Mit der Zeit wird es leichter.

I, wie Intervall-Therapie. Nicht immer ist es sinnvoll alle Themen in einem Klinikaufenthalt anzugehen. Dann kann eine Intervall-Therapie helfen. Das bedeutet: Man verbringt einige Zeit in der Klinik, ist dann ein paar Monate zu Hause und kommt wieder. Die Intervall-Therapie wird häufig bei der Behandlung von Traumata angewendet.

J, wie Jingle. Handys müssen in der Therapie ausgeschaltet werden.

K, wie Kurztermin. Ein Notfalltermin an besonders schwierigen Tagen, der zum Beispiel in der morgendlichen Visite angemeldet werden kann. Der*die Bezugstherapeut*in schaut dann wann und wie sie Zeit hat und man bekommt 10-15min um zu klären, was gerade los ist und was überbrückende Schritte bis zum nächsten Therapiegespräch sein können.

L, wie Langeweile. Langeweile kann in der Therapiezeit unbedingt förderlich sein. Das sage ich, weil ich es irgendwann mal irgendwo gelesen habe. Wenn man länger darüber nachdenkt, macht es aber absolut Sinn. Wer selbst von zu viel Zeit zum Nachdenken gelangweilt ist, dem sei ein Spaziergang, eine Serie oder ein Podcast ans Herz gelegt. Empfehlung: „Please like me“ auf Netflix (TW: Suizid) oder der Podcast „Verbrechen“ von DIE ZEIT, zum Beispiel auf Spotify.

M, wie Mahlzeiten. In der Klinik gibt es feste Mahlzeiten, die ebenfalls zur Therapie gehören. Dort zu erscheinen gehört also ebenso dazu, wie sich von der Walking-Gruppe abzumelden, wenn man krankheitsbedingt ausfällt. Kein Hunger? Zählt nicht. Im Speisesaal treffen sich alle Patient*innen zu vorgegebenen Uhrzeiten. Es kann vorkommen, dass essgestörte Patient*innen ihre Mahlzeiten in einem gesonderten Raum/an einem gesonderten Tisch unter Aufsicht einnehmen müssen.

M, wie Müdigkeit oder auch Therapie-Müdigkeit. Wenn man irgendwann nicht mehr weiterkommt und keinen Nerv mehr auf die Therapien hat, nennt man das auch „therapiemüde sein“. Es hilft das mit dem*der Bezugstherapeut*in zu besprechen und beispielsweise auf die Möglichkeit einer Intervall-Therapie zurückzugreifen. Denn: Therapie braucht Kraft und irgendwann ist die eben auch mal erschöpft.

N, wie Nein-Sagen. Dass ich in der Klinik nicht alles so machen muss, wie die Ärzt*innen und Therapeut*innen es gern hätten, musste ich erste lernen. Für sich einstehen und sich abgrenzen lernen ist wichtiger Bestandteil der Therapie. Trotzdem gilt: Offen sein und Vertrauen haben hilft viel und drüber reden sowieso. As always.

O, wie Oberärzt*in. Kommt morgens zur Visite und hat im besten Fall immer einen feschen Spruch auf Lager lol been there

P, wie Pflege oder auch Schwesternzimmer. Bei der Pflege bekommt man seine Medikamente, die Wärmflasche, die man zu Hause vergessen hat, Skills, wenn gar nichts mehr geht, den Bataka-Schläger oder auch mal eine Umarmung. Im besten Fall ist die Pflege die gute Seele der Klinik. Mir Hilfe zu holen, wenn ich sie brauchte, anstatt weiter auszuhalten, musste ich trotzdem erstmal lernen. Dabei halfen mir vorgeschriebene Pflegekontakte, die ich eine Weile einzuhalten hatte. Bedeutet: Ich musste mich regelmäßig bei der Pflege melden, egal wie es mir ging. Meistens ging es mir nicht so gut, also ist sich’s eh ausgegangen.

Q, wie ein Quantum Trost. Für alles was trösten kann, sorgt man am besten weitesgehend, bevor man den Gang in die Klinik antritt. Das kann sein: Ein Kuscheltier, die Handynummer einer guten Freundin, eine warme Decke oder Wärmflasche, ein geliebtes Hörbuch. Alles, was ein bisschen weniger einsam und traurig macht, ist erlaubt und sollte in der Klinik immer griffbereit sein. Außerdem: TASCHENTÜCHER NICHT VERGESSEN!

R, wie Rote Karte. Häufig arbeiten psychosomatische Kliniken mit einem Kartensystem. Denn es gibt Regeln und an die muss sich gehalten werden. Um 22h auf dem Zimmer sein, kein Alkohol trinken, seine Medikamente pünktlich abholen und einnehmen – versteht sich alles von selbst. Manchmal werden die Karten auch bei spezifischeren Verhaltensweisen angewendet, zum Beispiel wenn ein vereinbarter Gewichtskorridor in der Therapie mit essgestörten Patient*innen maßlos unterschritten wird. Dann stellt sich die Frage, ob eine Therapie überhaupt weiterhin möglich ist. Die Rote Karte ist in jedem Fall die letzte Konsequenz und führt zur sofortigen Entlassung.

S, wie Skills. Skills sind Werkzeuge um innere Anspannung zu regulieren. Das kann zum Beispiel ein Igelball, ein Kühlakku, laute Musik, Akkupressurringe oder schnelles Treppensteigen sein. Manchen hilft das Riechen an Ammoniak-Ampullen, andere bevorzugen das Schnalzen von Gummis am Handgelenk oder das Lutschen von starken Brausebonbons. Was hilft, muss jeder für sich selbst herausfinden. Häufig wird empfohlen stets eine Auswahl an Skills parat zu haben – schließlich weiß man nie, wann man von etwas getriggert wird und seine Anspannung regulieren muss.

T, wie Trigger. Engl.: „Auslöser“. Unter einem Trigger versteht man in der Medizin und Psychologie den Auslöser für einen Vorgang, der eine Empfindung, einen Affekt oder ein Symptom auslösen kann. (thx to Wikipedia an dieser Stelle – hätt’s nicht besser formulieren können.)

U, wie Urlaub. Auch Therapeut*innen müssen mal Urlaub machen. Besonders blöd ist es natürlich, wenn gerade dein*e Bezugstherapeut*in während deines Klinikaufenthalts für ein-zwei Wochen in den Flieger steigt. Aber sieh’s mal so: Es kann auch helfen eine andere Perspektive auf deine Geschichte zu bekommen, wenn du mit einem*r anderen Therapeut*in arbeitest. Am besten vorher mit deinem*r Bezugstherapeut*in Strategien entwickeln, wie du seine*ihre Urlaubszeit für dich nutzen und/oder überbrücken kannst.

V, wie Visite. Kommt jeden Morgen vor dem Frühstück, außer an Sonn- und Feiertagen (in manchen Kliniken auch Samstags nicht). In der Visite kann man ansprechen, was einen gerade konkret belastet, zum Beispiel auch physische Wehwehchen. Du bist beim Versuch dein inneres Kind rauszulassen von der Schaukel gefallen und warst immer noch nicht bei den Schwestern? Zeig dein blaues Auge dem Visitenarzt und er schickt dich gleich weiter in die morgendliche Sprechstunde.

W, wie Walking-Gruppe. Mit Stöckern, ohne Stöcker – ganz egal. Hauptsache raus an die frische Luft und einen ordentlichen Gang um den See drehen. Kann auf genialste Weise den Kopf frei machen. Aber Achtung: Heimlich telefonieren und rauchen is strictly forbidden. Wir sind hier schließlich in der Therapie!

X, wie Xylophon. In der Musiktherapie geht es nicht darum besonders schön Musik zu machen, sondern seine Gefühle mittels Musikinstrumenten auszudrücken. Was die anderen darin hören, teilen sie dir anschließend mit. Das kann super spannend sein, weil du dir unterbewusst vielleicht schon über etwas im Klaren warst, was die anderen jetzt für dich aufdecken. Fun Tipp: Mit Augen zu aufs Xylophon schlagen. Geht dreihunderprozent daneben.

Y, wie Yvonne nervt. Oder Holger. Oder Carsten. Oder Stefanie. Believe me, irgendjemand wird immer nerven. Und das ärgerliche ist:  Für einen gewissen Zeitraum seid ihr verdammt dazu es miteinander auszuhalten. Aber es gibt auch eine gute Nachricht: Die Klinik ist das perfekte Übungsfeld, um sich abgrenzen zu lernen. Ein Tennisplatz quasi. Und ganz vielleicht kannst du sogar verstehen, warum sich XY so anstrengend verhält, wenn du mehr über seine*ihre Geschichte und den Leidensdruck dahinter erfährst. This is the Königsdisziplin. Some call it empathy.

Z, wie Zimmergenoss*in. Wenn du nicht privat oder zusatzversichert bist, bist du möglicherweise nicht alleine auf deinem Zimmer. Häufig gibt es bunt zusammengewürfelte Zweibettzimmer und du kannst dir nicht aussuchen, mit wem du dir eins teilst. Auch hier gilt: Wunderbar, um sich abgrenzen zu lernen und gleichzeitig eine tolle Möglichkeit, die erste Klinikfreundschaft zu knüpfen. Und wenn’s mal nicht so gut läuft, freut man sich immerhin umso mehr auf Zuhause.

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